Noch eine Version des Slams von Julia Engelmann.

Achtung, Triggerwarnung: Depression, Trauer

Es hätte nie so sein können, wie du es dir gewünscht hättest / Reckoning.

Eines Tages, Baby, wenn du alt bist, Baby,

wirst du dich fragen können,

müssen, wollen, werden

wieso deine Jugend, dein Erwachsen:

werden und deine Kindheit nicht so verlaufen sind,

wie du es gern geträumt hättest.

Dann wirst du dich rechtfertigen müssen,

vor all den Menschen, die immer noch

und immer

wieder

der Meinung sind, dass „den Arsch hochkriegen“

die einzige valide Lebenstrategie ist.

Baby, die Menschen werden

dann

immernoch nicht verstehen können

wie es ist.

Wie es war.

Wie es gewesen ist, als du nicht aus dem Bett kamst,

dein Körper zentnerschwer

dein Willen noch weniger kraftvoll

als jeder verdammte Kieselstein am Meeresgrund.

Wenn das Leben über dich hinwegrauscht

wie ein Taifun.

Die meterhohen Wellen dich verschlucken

und du würdest ja.

Du würdest ja so gern wollen, dass es anders ist.

Dass du zu den Menschen gehörst,

die Motivation ziehen können.

Aus Nächten auf Häuserdächern

und betrunkenen Parties.

Du kennst das, Baby, zur Genüge.

Diese Selbstleugnung und den Versuch

cooler zu sein als alle anderen.

Lässig und stark zugleich.

Unabhängig.

Aber, Baby, es treibt dich immer wieder

unter die Wellen.

Weil es manchmal einfach nichts gibt.

Weil es manchmal einfach nichts mehr

zu geben scheint,

für dass es sich heute.

Oder morgen.

Oder gestern.

Auch nur im entferntesten gelohnt hätte zu leben.

Ein Wartezimmer und ein Anruf auf dem Smartphone

wären noch einfache Dinge gewesen,

die du dir gewünscht hättest.

Aber dein Leben,

dein Leidensdruck spielt anders.

Tick tack ist nicht dein Rhythmus.

Scheincoole Sprüche von privilegierten Happy People

waren nie so dein Ding.

Denn du kennst die Wahrheit.

Du weißt wie es ist, wenn es nur noch weh tut.

Du weißt wie Trauer und Depression gestrickt sind.

Für dich. Individuell.

Du weißt wie es sich anfühlt der Putz des Hauses

deiner Familie zu sein.

Du weißt wie es ist, wenn alles unter deinen Füßen

wegbricht.

Wenn dein Leben von einer Sekunde auf die andere

plötzlich

aus dem Nichts

ungeahnt

und weggehofft

nicht mehr so ist, wie es war

niemals so sein werden kann, wieder.

Oh, Baby.

Das letzte was du brauchst,

sind Menschen, die dir erklären wollen

wie „wir“ zu sein haben.

Komm her, Liebstes,

wenn du magst, nimm meine Hand.

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Sehr dünnes, glattes Eis. Oder nicht?

Es war diese Woche mal wieder soweit und wenn es nicht so ein ernstzunehmendes Thema wäre, hätte ich mich beinahe mit Popcorn vor den Bildschirm gesetzt. Programm: shitstorm #wiesmarties bei Twitter, ausgelöst durch Jens Spahn, seines Zeichen gesundheitspolitischer Sprecher bei der CDU.

Und er nimmt diese Rolle ernst, sehr ernst, so ernst sogar, dass er immerhin 2 Argumente gegen die Rezeptfreiheit der Pille danach vorzuweisen hat.

1. Die Nachwirkungen sind gravierend.

2. Die Pille muss rezeptpflichtig bleiben, weil wir in ‘Schland so eine ausgezeichnete 24/7 Gesundheitsversorgung haben.

Bei letzterem des letzterem muss ich ihm recht geben, die Gesundheitsversorge ist relativ  ausgezeichnet (immerhin, wenn du eine Krankenversicherung hast und nicht unbedingt auf einem Dorf ohne Auto wohnst…)

Die Nebenwirkungen.

Ja, die sind da, die sind groß, die können schlimm sein. Aber wie ist es um die Nebenwirkungen der Pille gestellt, die, die so viele Frauen* jeden Tag einnehmen (ca. 281 Stück pro Jahr)? Im Grunde wird von „uns“ fast schon stillschweigend angenommen, dass wir das schlucken. Aber gleichzeitig sind sich sehr viele Menschen der Nebenwirkungen bewusst. Das beginnt dabei, dass der individuelle Hormonhaushalt völlig durcheinander kommt, zieht sich über körperliche Beschwerden (Haut, Haare, Gewicht, Wassereinlagerungen, Schmerzen, verstärkte Blutung) bis hin zu psychischen und ich rede hier nicht von PMS, sondern von handfest Depressionen.

Aber hey, immerhin kannste dann nicht schwanger werden. Wir sind ja darüber aufgeklärt und wer sie dennoch nimmt, ist selbst schuld, oder wie?

Ein Kondom kann reissen. Die Pille kann nicht wirken. Einmal, zweimal oder siebzehnmal die Pille danach zu nehmen, wird „uns“ wohl kaum über den Styx jagen.

In der Twitter Debatte fiehl auch mehrere Male das Argument, dass auch Schmerzmittel schädliche Nebenwirkungen hervorrufen können, diese aber auch rezeptfrei zu erhalten sind. Spahns Reaktion daraufhin war, dass es genau deshalb ja auch immer wieder Debatten für eine Rezeptpflicht gibt. Aber selbst dann erhielte ich immernoch eine 10er Packung, eben auf Rezept, und nicht nur eine Tablette.

Hier wird auf die gesunde Urteilsfähigkeit der Menschen vertraut (und die Hoffnung, dass sie sich nicht selbst verletzen wollen/werden). Ähnlich bei Hustensaft und der Pille „davor“. Warum dann nicht auch bei der Pille danach?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es sich hierbei eher um ein emotionales Thema handelt, dass diese Emotion irgendwo zwischem anti-pro-choice und männlichem* Überlegenheitsgedanken angesiedelt ist. Der Gedanke, dass Männer* rationaler und Frauen* emotionaler sind und deswegen nicht darüber entscheiden können sollten, welche Pille sie sich wann einwerfen. (Kopfschmerztabletten benötigen ja auch Männer, von daher.)

Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Bitte.

Mein Lieblingstweet des ganzes Tages kam übrigens auch von Herr Spahn „Ich halte fest: Männer dürfen nix zur Pille danach sagen, Schwule schon mal gar nicht. Wenn das all eure Argumente sind… ‪#wiesmarties“

Nein, Herr Spahn, dass sind nicht all „unsere“ (wer ist eigentlich dieses „wir“?) Argumente. Vielleicht sind es nur die, die sie gern hören und sehen wollen, weil das sich auch so wunderschön in den Reigen reiht, in dem Männer* sich über die Meinungen und Argumente von Frauen* hinwegsetzen und sie als naiv und dümmlich im Raum stehen lassen, absolut losgelöst davon, was sie tatsächlich sagen und tun. Es gibt eine große Anzahl hervorragender Artikel und Blogeinträge von Frauen* die sich mit dem Thema beschäftigen und sehr gut argumentieren, warum die Pille danach rezeptfrei werden sollte. Muss.

Menschen ohne Uterus dürfen sich natürlich auch zu dem Thema äußern, aber die Meinung „Betroffener“ darf dabei nicht ignoriert werden oder ausgeräumt als seichtes Gelaber und mit dem Argument der zu großen Subjektivität.

Ähnliche Vorgehensweisen gibt es auch in anderen Diskussionen. „weiße“ von (kulturellem) Rassismus nicht betroffene Menschen, die mit sich selbst über Rassismus sprechen und die Meinung betroffener Menschen nicht beachten, sie ihnen sogar absprechen und sich selbst als Expert_innen inszenieren. (Hierzu bitte bitte das Buch „Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus“ von Noah Sow lesen). Oder Menschen ohne Fluchterfahrung, die über geflüchtete Menschen sprechen ohne auch nur eine Person mit ebendieser Erfahrung zu Wort kommen lassen. (Es gruselt noch immer bei der Erinnerung an die „Hart aber fair“ Folge.).

Oder eben Männer* die über Frauen* sprechen, ohne eine Frau* zu Wort kommen zu lassen.

(Und das Argument: „ich kenne aber eine Frau* die…“ ist einfach nicht valide.)

Oder glaubt wirklich eine_r der Politiker_innen die sich gegen die rezeptfreiheit der Pille danach positionieren, dass junge Frauen* plötzlich ungehemmt und ohne Verhütung Sex haben, weil es ja die Pille danach gibt? Die immerhin jedes Mal zur Verfügung steht und auch nur 18 Euro pro Stück kostet. Also, Smarties sind da günstiger.

Kurzer Exkurs.

Eine Frau* oder ein Paar* oder zwei Herzmenschen in heterosexueller Beziehung verhütet. Das bedeutet meist, dass gerade oder generell kein Kinderwunsch besteht. Dann reisst das Kondom und aufgrund oben genannter Nebenwirkungen nimmt die Frau* keine Pille. Die Angst ist groß, die Zeit im Monat ist auch sehr heikel, also ab in die Apotheke und die Pille danach genommen, und alles ist gut.

Oder: warten bis zum nächsten Tag (wahlweise auch diverse Stunden in Notaufnahmen) auf einen Termin bei der/dem Frauenärztin/ arzt. Dort finden sich unter Umständen eine der beiden Situationen ein a) gelangweiltes/ verständnisvolles, ah okay, kein Problem, Rezept ausfüllen. Beratung? Douh’. (Gibt ja auch viele Frauen* die diese gar nicht mehr brauchen und/ oder schon oft hatten.) Situation b) Vorwurfsvolles Augenrollen, schnaufen, wiekonntedasdennpassieren, siemüssendochaufpassen, sowasnachlässiges. Rezept ausfüllen. Beratung? Vorwurf wohl eher.

JA, natürlich gibt es großartige Gynäkolog_innen, die nicht in dieses Muster passen, viele sogar, aber die Angst, die Scham und das Kopfkino machen alles ziemlich schnell ziemlich schlimm. Abgesehen natürlich von den Menschen, die das trotzdem ganz cool händeln können. (Ich ziehe vor jenen meinen Hut!)

In einer Welt, in der die Pille danach, genauso wie Abtreibung von der Willkür und der Meinungen der Gyn’s abhängen würde, wöllte ich nicht leben.

So viele von „euch“ argumentieren mit dem Lebensrecht des Kindes. Okay. Fair enough. Aber was ist mit dem Lebensrecht der ungewollten Mutter? Was ist, wenn sie einfach kein Kind will. EGAL aus welchem Grund. Ist das nicht valide? Gilt das denn nichts? Die Ächtung für Abtreibung (manche betrachten ja auch die Pille danach als Abtreibung) ist verdammt hoch. Willkommen im Mittelalter. Hexe Hexe Hexe.

Nicht jede Frau* will Mutter sein. Nicht jeder Mensch möchte Kinder. Nicht für jede_n stellt dies das höchste Glück der Erde dar und manche trauen es sich nicht zu. Die Gründe sind da ganz persönlich.

Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen dafür, dass ich keine Kinder haben möchte. Nicht jetzt. Nicht vor 5 Jahren. Nicht in 10 Jahren. Und ja, vielleicht würde ich auch abtreiben. Die Gründe dafür gehen „euch“ nichts an. Vielleicht meine Familie etwas und sicher meine_n Parnter_in. Aber nicht irgendwelche Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen.

#Aufschrei nach Bewerbungsgespräch

Sehr geehrt… (Namen tun hier nichts zur Sache, es geht um das strukturelle Problem),

 

obwohl ich im Gespräch nichts dergleichen gesagt habe, aufgrund der knapp bemessenen Zeit, möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie mich in der Auswahl für den Job XYZ nicht berücksichtigen müssen.

In dieser Mail möchte ich Ihnen kurz die Gründe dafür dalegen und hoffe, dass Sie darüber nachdenken und verstehen, worum es mir (und sehr vielen anderen Menschen) geht. Es handelt sich dabei nicht um eine Form imaginierter “Unangepasstheit”, sondern um klare Grenzüberschreitungen Ihrerseits, bei denen ich am liebsten sofort Ihr Haus verlassen hätte.

Sicherlich haben Sie in diesem Jahr die Aktion #Aufschrei bzw. die damit verbundene Berichterstattung, wenn nicht verfolgt, so doch immerhin wahrgenommen. Sie war ein Versuch Alltagssexismus in die Öffentlichkeit zu tragen um den oppressiven Charakter vieler, vielleicht auch “nicht so gemeinter” Handlungen bewusst zu machen.
Ich möchte nicht über jeden einzelnen Punkt sprechen, aber, dass Sie unter den Tisch schauen um meine Schuhe zu begutachten, deren Zustand auch trotz meiner lockeren Gesprächsführung nichts mit meinen Qualifikationen zu tun hat, während ich einen Rock trage, sollte Ihnen mehr als nur einen “roten Kopf” einbringen.

Trotz Ihrer Frage “Darf ich?”, der die Handlung so schnell folgte, dass ich mir dies gar nicht hätte verbitten können, ist dies eine Grenzüberschreitung, die nicht nur dreist, sondern sexistisch ist. Allein ein derartiger Gedanke verbittet sich von selbst!

Darüberhinaus ist es war zwar durchaus nett von Ihnen, mich darauf hinzuweisen, dass bei Ihnen im  XYZ  “auch mal” sexistische Witze gerissen werden, aber Ihre Ernsthaftigkeit bei diesem Thema liess zu wünschen übrig. Ebenso zeigt Ihre Angepasstheit an die Wahrnehmung der XYZ bezüglich geschlechterneutraler Sprache, die wegen der schlechteren Lesbarkeit der Texte zu vermeiden ist (eine Illusion, die mittlerweile in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten überprüft und widerlegt wurde), dass Ihnen das alles reichlich übertrieben vorkommt und im Grunde gleich ist. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich damit sehr weit daneben schlage.

 

In einem solchen Umfeld will und werde ich nicht arbeiten, denn ich habe, wie so viele Menschen, im Alltag genügend kleine und größere Situationen auszuhalten, die mir unangenehm sind, das werde ich nicht auf meine Arbeit übertragen.

 

Vielen Dank, dass Sie mir einen Einblick gegeben haben.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 XYZ

 

P.S.: Ich werde diese Mail, jedoch ohne Namen zu nennen oder kenntlich zu machen, um welche*n Adressat*in es sich handelt auf meinem Blog veröffentlichen, es geht dabei nicht darum Sie zu schädigen, sondern Erfahrungen mitzuteilen.

Kommentar zum Kommentar

Oder: Unsere Unlust sei dir ein Dorn im Aug’. Zum unsinnigsten Text des Jahres.

Es gibt keinen besonders aktuellen Anlass zu dem ich diesen Kommentar schreibe, nur hatte ich bisher weder Zeit noch die Geduld hierfür. Am 12.07.2013 schrieb Magnus Klaue, der sich scheinbar gern wütend „der Linken“ widmet, in der „Konkret“ einen Artikel unter dem schönen Titel „Das gelebte Nichts“. In dem er sich zu Asexualität, Homosexualität und Gendertheorie äußert. Sehr lang, ausschweifend und komplex in der Wortwahl, oder auch, um es mit den Worten einer Bekannten zu sagen „Da hat sich jemand viel Mühe gegeben dich zu hassen.“ Tatsächlich richtet sich der Text nicht nur an mich, sondern zerreißt den Blog die Mädchenmannschaft in dessen Gänze, aber exemplarisch auch meinen Beitrag „Asexualität scheint nicht zu existieren“ sowie die darunter geschriebenen Kommentare.

Da ich nun ein wenig Zeit und Muße habe, möchte ich diesem geistigen Tiefschlag endlich die Antwort widmen, die er verdient, oder besser gesagt, die Fragen stellen, die noch offen sind, jedoch werde ich mich nicht im Einzelnen zu den Punkten äußern.

An erster Stelle möchte ich sagen, dass der Artikel nicht allzu leicht lesbar ist, er strotzt vor unerklärten Begriffen und Lehnwörtern aus verschiedenen Sprachen, die Sätze sind zu lang und verschachtelt. Das ist aber auch etwas, dass in akademischen oder gern als „intellektuell“ bezeichneten Kreisen häufig so gehalten wird: Eine Sprache nutzen die möglichst klar abgrenzt zu den Menschen, die diese nicht nutzen/verstehen wollen/können, aus welchen Gründen auch immer, ist. Legitime Sprache sozusagen, die die eigene Performance der hochkulturellen Verortung unterstützt und auf den ersten und vielleicht zweiten Blick alles glaubhaft erscheinen lässt. Den Vorwurf klassistischer Verhaltensweisen stelle ich hier. Wut wird nicht weniger eine solche, nur weil sie in möglichst vielen Zeichen niedergeschrieben wird. Dennoch frage ich mich (und ganz direkt Sie Herr Klaue) was bitte der Auslöser für eine solche Länge an Tiraden war? Zeitgleich lassen Sie sich jedoch nicht lumpen und werfen mit formvollendeten Beleidigungen um sich; „Hirnschrott“ ist dabei meine liebste.

Schon der Untertitel strotzt vor Ungläubigkeit und dem Wunsch das Folgende lächerlich zu machen.

In der Amöbenwelt, zu der den Gendertheoretikern die Menschheit geschrumpft ist, gibt es eine neue Zellkultur: die Asexuellen.“. Das stimmt schlicht nicht, Asexualität ist weder neu, noch hängt sie direkt und zwangsweise mit Gendertheorie zusammen. Aber sei’s drum, das Bild als solches ist recht hübsch gewählt und anschaulich (und nicht nur eigener kreativer Prozesse entspruungen). Aus anderen Artikeln des Autors wird klar, dass er nicht besonders begeistert von geschlechtsneutraler Sprache oder feministischen Ansätzen ist, aber darum geht es in dem ursprünglichen Beitrag von mir auch gar nicht, sondern schlicht und ergreifend um eine sexuelle Orientierung. Und die sexuelle Orientierung eines Menschen, solange es sich dabei um konsensfähige Spielarten handelt, hat meiner persönlichen Sicht nach eine Dritte Person so sehr in Emotionalität zu versetzen wie die Frage, ob dieser Mensch nun lieber Schach oder Backgammon spielt.
Selbstredend muss ich zugeben, dass ich mich selbst in die Schusslinie begeben habe, da ich öffentlich geschrieben habe, also gut, was nur überrascht ist, die Wut und der Grad der Entrüstung in Klaues Artikel, als spräche ich vom Untergang der Welt oder hätte einen Anschlag auf Frau Merkel geplant.
Abgesehen davon, dass Magnus Klaue ein „Grauen vor der Zukunft“ verspürt, weil es Menschen gibt die kein sexuelles Begehren verspüren und scheinbar einen Verrat an allen Emanzipationsbewegungen darin sieht, frage ich mich wirklich, also wirklich und zutiefst, warum er sich dazu hingerissen fühlt, Menschen ihre eigene und selbst definierte Sexualität absprechen zu wollen. Es geht ihm ja nicht einmal darum, sich wirklich zu informieren oder neues Wissen und Verständnis zu erlangen, sondern es wird alles Beiseite gewischt, was er sich nicht vorstellen kann und will. Wieso ist es der Verrat an Emanzipationsbewegungen wenn Menschen sich selbstbewusst und laut zu ihrer Sexualität bekennen? Ich würde diese Frage gern komplex ausformulieren, aber dadurch wird sie nicht verwertbarer, da sie im Kern völliges Unverständnis ob dieser Schlussfolgerung bleibt.

“… solche Menschen, deren Babysprech den Grad ihrer Individuation angemessen spiegelt, haben sich tatsächlich freiwillig längst zu Einzellern gemacht, die mit anderen Lebewesen allenfalls »interagieren« können, denen sonst aber humanoide Eigenschaften wie Empathie, Mitleid, Trauer, Fähigkeit zum Glück und zur Wahrheit abhanden gekommen sind.“ Ach, Herr Klaue, damit lehnen sie sich auf eine Art und Weise aus dem Fenster, die eigentlich ihrer nicht würdig ist. Wie Eingangs vermerkt, ist mir der möglichst hoch angelegte Abstraktionsgrad Ihrer Sprache bewusst und ich entscheide mich bewusst dagegen, aber deswegen müssen sie meinen „grüblerischen“ Stil nicht gleich als Babysprech abwerten, wenn Sie möchten lasse ich Ihnen auch gern eine Kopie des Textes in Bourdieu’scher oder Kafkaesker Form zukommen. Eine solche Abwertung und Beleidigung meiner Schriftsprache trägt nicht gerade zu konstruktiver Kritik am Text bei und macht Sie, in meinen Augen, nicht glaubwürdiger. Desweiteren ist es mir schleierhaft, wie von nicht vorhandener Lust auf Sex auf die Abhandenheit anderer „humanoider“ Eigenschaften geschlossen werden kann. Dazu möchte ich nur sagen, dass ich seit mehr als 2 Jahren in tiefer Trauer bin, Mitgefühl empfinde, Empathie auch für Menschen deren Identität ich nicht teile, Wahrheit suche und zu ihrer Verbreitung eben durch solche Beiträge beitragen möchte und ja, tatsächlich ein Mensch bin, in allen Facetten. Auch unter dem von Ihnen verwendeten Vorwurf des Wahnsinns, der kaum originell ist, da er schon seit Jahrhunderten als Totschlagargument (teils auch im wörtlichen Sinne) verwand wird um Menschen nicht nur zum Schweigen zu bringen, sondern ihnen auch noch jedwede Form der Zurechnungsfähigkeit und der Notwendigkeit Dritter sich mit ihnen zu beschäftigen, abgesprochen wird.

Aber dank ihrem Text bin ich beruhigt, solange sie schreiben bleibt uns die Emanzipation erhalten und die Menschheit heile und alle Asexuellen Menschen suchen sich nun bitte jemand für heute Nacht, ich meine, es geht ja so nicht, dass es Menschen gibt, die keine Lust auf Sex verspüren, immerhin die schönste Sache der Welt. So, fast.

“Unterschicht” unerklärt – und keine*n störts.

Gruseligste Erfahrung letzte Woche in der Uni. Dazu muss (vielleicht auch nicht) ewähnt sein, dass ich Geschichte studiere, also eigentlich Kommoliton*innen erwarte, die irgendwas gelernt haben, aus der Geschichte. Aber an manchen Tagen ist selbst das zu viel verlangt (Immerhin gibt es immernoch Menschen, die sich zu Ossi/Wessi Witzen hinreissen lassen. Haha. Danke. Nicht.).

Alles begann damit, dass wir einen ZEIT Artikel von Paul Nolte aus dem Jahr 2003 lesen sollten. In diesem ergeht sich der Autor über das Problem der “Unterschicht”. Soziologisch. Wurde uns gesagt.

Mein Problem mit dem Artikel, bzw. das Problem an dem ich mich aufgehangen habe, ist allein schon der Begriff “Unterschicht”. Was bedeutet das? Woher kommt er? Was will er uns mit diesem Wort sagen? Welche Homogenisierung findet dabei statt?

Dieser Begriff ist nicht “mal eben so” verwendet und steht auch nicht vorurteilsfrei auf dem Papier. Dieses Wort ist (und war auch schon vor 10 Jahren) so stark negativ besetzt und mit Vorurteilen und -annahmen aufgeladen, dass mir allein bei dem Gedanken daran schlecht wird. Erstaunlicherweise verbalisierte keine*r meiner Mitstudierenden eine ebensolche Reaktion.

In der Verwendung eines Universitätsprofessors (Geschichte), der dieses Wort in keinster Weise in einen Kontext setzt oder die Verwendungsnotwendigkeit erklärt, muss es zwangsläufig bedeuten: Menschen ohne (Universitäts/Ausbildungs) Abschluss, wenig Geld, keine “hohe” Bildung (an deren Wert sich ohnehin zweifeln lässt), keine Manieren, schlechten Geschmack in Punkto Ernährung und Kultur und falsche Werte.

Ähm. Entschuldigung. Herr Nolte und alle anderen, die sich immernoch versucht fühlen einen solchen Begriff zu verwenden und dann implizit zu sagen “Naja, ihr wisst doch was ich meine”. Richtig. Und genau DAS ist das Problem. Ihr seit das Problem, ihr die ihr auf Menschen herabschaut und ihnen Ratschläge geben wollt (in der ZEIT…ähm… ja.) ohne euch eures eigenen Privilegs bewusst zu sein. Eure Perfomance kotzt mich an.

Krank sein. So ganz einfach.

Gemeckere ohne Neu:Erkenntnis.

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Ich bin krank. Reichlich unspektakulär lieg oder lag ich mit einer Seitenstrangangina im Bett. Das ist nichts neues, nur eklig, aber absehbar. Ein paar Antibiotika, viel Ruhe, Kammillan, Tee und ein Krankenschein.

Moment, ein …was? K-R-A-N-K-E-N-S-C-H-E-I-N?

Bist du des Wahnsinns fette Beute? (Rw) Den kannst du gleich wegschmeißen, der gilt nicht. Neinnein. Egal, dass dein_e Ärzt_In gesagt hat, dass du ansteckend bist, egal, dass sich sowas, wenn nicht richig auskuriert, ausweiten kann und bspw. auf’s Herz legen, egal, dass es dir einfach dreckig geht. Du bist doch daheim, da hast du ja eh nix zu tun und da kannst du doch….

Jepp, krank sein, war mal nett. Als Kind zum Beispiel. Mensch hatte, im Idealfall, ein paar Tage Fieber oder Husten und Schnupfen und blieb daheim und was nicht erledigt wurde, wurde eben nicht erledigt. Punkt. Oder, es soll sowas noch geben, habe ich gehört, diese Jobs, bei denen ein_e Kolleg_In deine Aufgaben übernimmt und du sogar noch Geld bekommst während der Erkrankung. Ich hatte sowas mal kurz, als ich an der Uni gearbeitet habe. Mmh schon ziemlich großartig.

Aber die Realität ist immer noch, dass Menschen, viele Menschen, am liebsten anscheinend Menschen in Machtpositionen oder selbstausbeuterische Freiberufler_Innen dich nicht ernst nehmen, wenn du nicht mindestens im Krankenhaus bist. Dann kommt eben dieser Anruf “Geht es dir besser? Nein? Ach, tut mir leid, aber du kannst doch trotzdem….?”

Ich finde das nicht nur nervig (vor allem, weil ich doof genug bin, jaaaaa zu sagen), sondern vermessen. Ein Mensch ist krank. Egal wie sehr, braucht dieser Mensch Ruhe. Das ist einfach, oder? Einfach zu verstehen. Aber in unserem System so verdammt schwer zu akzeptieren. Wir haben alle Druck, von außen und dann irgendwann, wenn wir alt genug sind, dieses System verinnerlicht zu haben, auch von innen. (Was sonst sollte mich dazu bewegen am Sonntag ohne Stimme nach 3 Tagen Antibiotika 4 – 5 Stunden im Büro ohne funktionierende Heizung zu sitzen und zu arbeiten? JA, die DEADline. Hört ihr? Das Ding heißt im englischen DEADline, weil es uns irgendwann alle umbringt). (Deadline= engl. Frist)

Und dann bekomme ich einen Anschiss von einer guten Freundin, die gaz recht hat, nämlich, dass die eigene Gesundheit vorgeht, dass es egal ist wer wann was wie agegeben haben will, weil das nicht zählt, nicht länger als die Sekunde der Abgabe, es hält nicht vor, es rettet nicht die fucking Welt, und die geht auch nicht unter, wenn irgendwas eben mal eine Woche länger dauert.

Ich sag’s ja. Capitalism kills us all (eng. Kapitalismus bringt uns alle um), auch wenn wir eigentlich Antikapitalist_Innen sein wollen sind.

Nimm mir nicht meinen Wahnsinn.

Da draußen gibt es Listen und Analysewerkzeuge, Kurvendiagramme und Ordner und Menschen die das sprichwörtlich in der Hand halten und sagen dürfen was „normal“ ist und „gesund“ und was „krank“ oder „gestört“.

Aber woher nehmen sich Menschen mit einigen hübschen Zertifikaten an der Wand und ein paar Jahren des Lernens im Rücken denn das Recht heraus dem Rest der Welt zu sagen, was sein darf und was nicht? Wer hat sich denn hingesetzt und auf Verdacht gesagt, wie viel Emotion erlaubt ist, sein kann, und wann sie stört. Und vor allem, wen stört sie denn?

Eigentlich stört sie doch nur ein kapitalistisches System, in dem „wir“ alle dazu aufgefordert werden zu arbeiten, zu schaffen, in Lohnarbeitsverhältnissen um den ganzen Kram, inklusive der Dinge die wir nicht mögen und haben wollen, die jetzt aber „eben so sind und nicht zu ändern“ (Neokolonialistische Verhältnisse und Sklaverei, die so nicht mehr genannt werden darf/kann/wird zum Beispiel) aufrecht zu erhalten, aber sich dagegen zu erwehren stört ja schon und ist deswegen nicht bequem.

Oder darin nicht funktionieren zu wollen oder zu können. Weil gerade deine ganzen Welt in Trümmern liegt, da ein Menschen den du liebst gestorben ist, zum Beispiel. Tja, Pech gehabt, bald haben wir dafür noch zwei Wochen Zeit. ZWEI WOCHEN! Das neue Analysemodell macht’s möglich. Zwei Wochen Trauer, was darüber hinausgeht ist eine Depression und kann/muss/soll/darf dann als solche behandelt werden, sprich Psychopharmaka werden verordnet, der/dem „Patient*in“ noch ein schlechtes Gewissen und Selbstzweifel untergejubelt (Was kann es eigentlich alles auslösen gesagt zu bekommen, krank zu sein?) und ab geht’s, jetzt muss es dir gleich bald wieder besser gehen, was daran zu sehen ist, dass du Alltagstauglich bist, was daran zu sehen ist, dass du deinem Vollzeitjob in adäquater Manier nachgehen kannst. Klingelt’s?

Bei mir schlagen Kirchenglocken im Hirn. Es geht dabei doch gar nicht darum Menschen „gesund zu machen, ihnen zu helfen“ (den Therapeut*innen die vor dir sitzen schon, dem System dahinter aber nicht), sondern darum, Menschen die „anders“ sind in ein System zu pressen, von dem „wir“ denken, dass es gut und richtig und funktional sei. Sonst würden sie ja „Schmarotzer*innen“ sein, oder gehören eben weggesperrt.

Irgendwelche Daten bestimmen also, wann ich krank und wann gesund bin. Oder gestört Schönes Wort übrigens. „Störung“. Lässt gar nicht darauf schließen, ob es dich (oder mich oder wen auch immer) „stört“ was mit dir geschieht, wie du bist, wer du bist, sondern er einfach nur eine Linie zieht und dir zeigt, ab wann es deine Gesellschaft stört, wie du bist, also muss es auch dich stören, also hast du behandelt zu werden, damit du gefälligst wieder gesund wird. Dammnit.

Fuck. Ich will nicht, dass ihr mir sagt, ob ich gesund oder krank oder gestört oder wasauchimmer bin. Ich will von euch nicht gesagt bekommen was in unserer Gesellschaft bitte schön gerade so noch in den Rahmen passt und permanent immanent Gedanken, Emotionen, Reaktionen, Meinungen, Bilder, Schüttelfrost und Bauchweh, Kopfschmerzen und Zähneknirschen in Schach halten um eben nichts ver-rücktes zu tun, sagen, denken, fühlen oder sonst irgendwie rauszulassen. Und dann nichtmal darin ernstgenommen werden, sich selbst nicht mehr ernst nehmen können und doch immer nur und immer fester gegen Mauern zu rennen, außen und innen. Aber bitte schön anpassen, sonst gehörst du weggesperrt.

Weggesperrt in einer Welt voller Menschen die definieren wieiviel Emotion gesund ist und wo Krankheit anfängt.
JA, ich will meinen Wahnsinn behalten. Denn er schafft. Er schafft Dinge und Produkte und Momente und Erlebnisse, die für euch wertlos sind, weil nicht kapitalistisch verbuchbar, keine Kosten-Nutzen-Rechnung für euch. Ich mag meinen Wahnsinn. Er ist nicht nur ein Teil von mir, sondern der Teil, der mich in dieser kranken Welt nicht verrückt werden lässt.
Aber wenn ich das laut ausspreche, laufe ich ja fast schon Gefahr in Therapie zu müssen, denn solche Gedanken und Schlüsse sind ja nur Auswüchse eines wahnsinnigen Gehirns und daher schon Zeichen, das etwas mit mir nicht stimmt. Ja, ich finde das bedrohlich.