Inklusive: Exklusion

Kommentar, Diskussion willkommen  und erwünscht 🙂

Etwas verwirrt mich, schon reichlich lange und bisher nachhaltig und es sorgt leider nur dafür, dass ich mich aus entsprechenden Kreisen und Räumen zurückgezogen habe.

Im Grunde genommen fühle ich mich einer Form von “Szene”, die sich als links-queer-feministisch-antirassistisch-antisexistisch ansieht (gibt es so eine Szene? Sicher nicht, aber der Einfachheit halber nutze ich hier dieses Wort, in Anführungszeichen, um deutlich zu machen, dass dies ein Konstrukt aus meinem Hirn ist, dass griffig macht, was ich meine. Oder so.)

Aber irgendwie hab ich über die Zeit hinweg immer weniger Anschluss an Menschen gefunden, die sich aktiv in dieser “Szene” verorten. Ein Beispiel.

An meiner Uni gab es mal einen Bildungsprotest, dort bin ich hingegangen, weil ich ebenfalls die Situation mies fand, vor allem für Menschen, die nicht in einer eher-sorgenfreien-privilegierten-ich-muss-mir-nicht-darum-Gedanken-machen Position waren. Das System schließt viele Menschen aus, zum Beispiel wenn sie andere Menschen pflegen müssen/sollen/wollen, wenn sie krank sind (auch psychisch), wenn sie viel arbeiten müssen, weil das System ihnen nicht hilft, oder sie vielleicht andere Menschen finanziel unterstützen müssen oder aus einer halben Million anderer Gründe – und nein, ein Teilzeitstudium ist nicht möglich. Ergo, das System ist zu bemängeln und gerne auch aktiv. Deswegen hab ich mir die Zeit genommen (watch it: wieder eine Privileg) und mitgemacht. Mitdiskutiert muss ich wohl sagen, denn in den 9 Monaten gab es zwar vereinzelte Aktionen und auch miesestes Polizei-Macht-Gehabe, aber irgendwann driftete vieles ab, in Diskussion. Und, wenn ich es als Bild beschreiben wöllte, würde ich sagen: Die Menschen standen im Kreis, klopften sich auf die privilegiert-akademische Schulter und fanden sich besser als “die anderen”. Von manchen kamen Aussagen wie “Du genderst nicht, mit dir red’ ich nicht.”, “Lies mal ein Buch.” und ähnliches. Dabei wurde missachtet, dass all das, all das lesen, all das reden, all das auseinandersetzen nur stattfinden kann, weil eine Form von Privileg da ist. Weil Zeit ist, weil die Menschen im Studium in einer entsprechenden Umgebung sind, weil sie das Problem kennen, weil sie schonmal früher von jemand anderem an die Hand genommen wurden, die_der sagte “Hey, kein Problem, komm ich erkläre dir es.”

Und wenn ich mir all die (wirklich, wirklich) tollen Blogs, Zines, Essays anschaue oder Diskussionen anhöre, dann fällt mir vor allem auf, dass der Diskurs über die meisten Themen ein sehr sehr akademischer ist, dass dazu Kommentare geschrieben werden, die nicht so leicht zu verstehen sind, dass von Konzepten gesprochen wird, die nicht jeder Mensch kennt und NEIN nicht jeder Mensch hat die Zeit oder sonstiges um diese Bücher zu lesen.

Wieso ist die Diskussion über Inklusion, über Diskriminierungsfreiheit über Gleichberechtigung so fürchterlich asymmetrisch und ausschließend? Wieso so oft so aggressiv? Wieso erklären wir nicht viel mehr, bieten mehr an, wieso schreit mich jemand in der Mensa an und sagt “DAS ist nicht meine Aufgabe, Männer* können keine Feministen sein und überhaupt solche Menschen werf ich aus meinem Leben raus.”

Wir* waren alle* mal scheiße, wir* haben alle* mal irgendwas gemacht, das andere Personen wirklich verletzt hat und sind nicht als hoch-aus-gebildete vom Himmel gefallen, wieso gestehen so wenige anderen die Awarenessbildung nicht zu? Helfen nicht dabei? Und warum nicht, in einer Sprache, die mehr Menschen verstehen können?

Oh, und ich meine nicht Vorkommnisse dieser Art, wie sie auf stoptalk beschrieben wurden, sondern Menschen die wirklich einfach nur über wenig, kein Wissen verfügen, nicht unbedingt Menschen die zum 2376. mal ihre anti-Meinung zum “Besten” geben.

Vor fast 2 Jahren, hab ich diesen Text dazu geschrieben, und irgendwie … naja ich seh’ die Fehler, Mängel und es wird deutlich, dass ich mich damals noch nicht mit Rassismus und Critical Whiteness auseinandersetzte, aber poste ihn hier dennoch.

Revolution?

Du stehst vor der Wiese und schaust dir die Kornblumen an. Entspannt. Denn es sind nur Blumen. Wildwuchs. Sie wachsen einfach. Gestärkt von der Sonne und dem Regen. Natürlich. Endlich kurze Ruhe in deinem Kopf. Geist. Deinem älterwerdenden Geist, der eigentlich so unsagbar jung ist. Aber Meinungsgebildet. Meinungen. Bildung. Viele Gedanken, die oft etwas mit dir zu tun haben, manchmal aber auch nicht. Du bist älter geworden, obwohl du dich ständig immanent noch wie 14 1/2 fühlst. Dennoch bist du umgeben von Meinungen und hast dir irgendwo zwischen Jugend und Sühne deine ersten eigenen gebildet. Ideale, Werte und Utopien von denen noch ältere Menschen behaupten, dass du sie früher oder später verlieren wirst, weil du dann älter wirst. Deswegen krallst du dich jetzt bereits daran fest, passt aber gleichzeitig beständig auf, dass du nicht dogmatisch wirst. Brichst deshalb ab und an, auch wider dein schlechtes Gewissen, deine selbst auferlegten Regeln – nämlich weil du dieses Bedürfnis verspürst, ihm nachgeben musst. Deine Welt ist genauso wie die deiner FreundInnen politisiert bis ins Kleinste. Jede Entscheidung und irgendwann jeder Schritt wird politisch überdacht, ob er auch korrekt ist. Was isst du? Welche Schuhe trägst du? Wo kaufst du welche Klamotten ein? Welcher Tabak? Welche Fortbewegungsmittel suchst du? Wie verwendest du Begriffe? Welche Aussagen haben deine Tattoos? Dein Teppich? Was machst du mit deiner Kunst? Wo wohnst du? Worüber sprichst du? Wie bewegst du dich? Trägst du Schminke? Nagellack? Warum? Warum? Warum?

Deine Welt ist überpolitisiert, immer im Versuch politisch korrekt zu sein, selbst deine Gedanken überdenkend, immerzu reflektierend über dich.

Antikapitalismus, -sexismus, -faschismus, -homophobie. Alles gut. Ja, alles gut, so gut, dass du es jederzeit an jede Wand schreiben würdest, mit jeder Farbe außer Braun. Aber ist das noch Freidenkertum? Darfst du diese Zeilen befürworten? Sie lesen? Sie schreiben? Immer nur Deleuze, Beauvoir, Miller zu lesen wird doch irgendwann anstrengend, wenn du dich damit auseinandersetzen musst, ob Harry Potter nicht Frauendiskriminierend ist und Der Herr der Ringe patriarchalische Denkmuster hervorruft. Du suchst also weibliche Helden, findest die Frauenbeauftragte toll und musst dich spätestens dann dem Vorwurf des exklusiven, ausgrenzenden Linksfaschismus aussetzen. Und selbst die Kunst die du machen willst, meist nur noch willst, weil deine Kreativität gehemmt wird, ist plötzlich nicht mehr legitim, weil nicht politisch, sondern rein emotional gesteuert.

Selbst dein gelber Regenschirm steht plötzlich zur Debatte.

Eigentlich willst du dir den Himmel greifen und herunterholen, sodass er das gesamte System verschlingt.

In den Zügen, die durch die Städte rasen und tausende satter und einige hungriger Leiber bewegen. Die satten gleichgeschaltet nach außen revolutionär, oder „alternativ“ wie es heute genannt wird – oft fälschlicherweise als Synonym verwendet. Mit Kleidung ohne Tier- und Menschenleid produziert, jedes Teil am Körper ein politisches Statement. Kleider machen Leute. Aber abgesehen davon trotzdem die Gleiche-Schaltung. Ipod oder Smartphone im Schoß, wenn nicht, dann, die wenigen der wenigen die wenigstens noch entsprechende Lektüre konsumieren, Foucault, Habermas, Deleuze und wie sie alle heißen, die alten, männlichen, radikalen, Marx doch schon irgendwie überholt. Natürlich Buch, nicht eBook. Immerhin komplett sinnliche Erlebnisse.

Welche Revolution sollte hier noch stattfinden?

In diesen Zügen, in denen geschwiegen wird aus Mündern hinter denen sich Gedanken, Argumentationslinien und Ideen auf der Suche nach einer ideellen Welt bewegen. Sie schweigen genauso laut, wie die Menschen, die durch ihr Äußeres nichts von ihrer innewohnenden Meinung preisgeben. Dieses Schweigen in Zügen unterbrochen von den einigen, die nicht schweigen können, weil sie Hunger haben oder anderes. Sie sprechen, schwerfällig, einfach weil es schwer fällt, zur grauen Masse, die, gleichgeschaltet, gleichzeitig plötzlich taub, schlafend, blind oder sich totstellend agiert. Die ehrlichsten unter ihnen verdrehen genervt die Augen. Kein Mitgefühl bei ihnen, wenn doch mal ein Groschen fällt, aber sie sind ehrlich und nicht geheuchelt peinlich berührt taubblindtot.

Welche Revolution sollte hier noch stattfinden?

Die AntikapitalistInnen mit dem Ipodfoucault auf dem Schoß auffallend schön. Lieblich geschnittene Gesichtchen brüllen in geeignetem Rahmen die Losungen der Revolution nicht nur in den Wind, auch gegen eine stumme Mauer. Die große spontane Veränderung ist eine Utopie, das wissen sie, aber ob die punktuellen Veränderungen sich halten, gehalten werden können, weiß niemand.

Es ist einfach revolutionär zu sein, wenn mensch schön und klug ist. Es ist einfach dann. Die älteren sitzen daneben, verständnisvoll der resigniert geschüttelte Kopf, sie waren auch mal so. Das verliert sich. Oder schlimmer. Wird aufgegeben, weil die Basis sich zu Tode pleniert. Oder immerhin zum Schweigen. Jedesmal wieder. Sagen sie. Die anderen wollen nicht belehrt werden und diskutieren hitzig weiter, aus ihren hübschen Mündern fallen hübsche Phrasen. Die Losungen der Revolution, die hier noch stattfinden sollte.

Diese Revolution ist ein Kampf gegen rechte Tendenzen auf allen Seiten, vor allem im Mittelmaß gegen Tendenzen, die als solche nicht mehr erkannt werden.

Die Sehnsucht nach einer gerechten besseren moralischeren ehrlicheren humanistischeren Welt zermürbt in fetten Bäuchen der Bequemlichkeit des Kapitals.

Diese Revolution könnte hier noch stattfinden. Heiner Müller wieder schreiben.

Es ist einfach revolutionär zu sein, wenn du schön und klug bist.