Sehr dünnes, glattes Eis. Oder nicht?

Es war diese Woche mal wieder soweit und wenn es nicht so ein ernstzunehmendes Thema wäre, hätte ich mich beinahe mit Popcorn vor den Bildschirm gesetzt. Programm: shitstorm #wiesmarties bei Twitter, ausgelöst durch Jens Spahn, seines Zeichen gesundheitspolitischer Sprecher bei der CDU.

Und er nimmt diese Rolle ernst, sehr ernst, so ernst sogar, dass er immerhin 2 Argumente gegen die Rezeptfreiheit der Pille danach vorzuweisen hat.

1. Die Nachwirkungen sind gravierend.

2. Die Pille muss rezeptpflichtig bleiben, weil wir in ‘Schland so eine ausgezeichnete 24/7 Gesundheitsversorgung haben.

Bei letzterem des letzterem muss ich ihm recht geben, die Gesundheitsversorge ist relativ  ausgezeichnet (immerhin, wenn du eine Krankenversicherung hast und nicht unbedingt auf einem Dorf ohne Auto wohnst…)

Die Nebenwirkungen.

Ja, die sind da, die sind groß, die können schlimm sein. Aber wie ist es um die Nebenwirkungen der Pille gestellt, die, die so viele Frauen* jeden Tag einnehmen (ca. 281 Stück pro Jahr)? Im Grunde wird von „uns“ fast schon stillschweigend angenommen, dass wir das schlucken. Aber gleichzeitig sind sich sehr viele Menschen der Nebenwirkungen bewusst. Das beginnt dabei, dass der individuelle Hormonhaushalt völlig durcheinander kommt, zieht sich über körperliche Beschwerden (Haut, Haare, Gewicht, Wassereinlagerungen, Schmerzen, verstärkte Blutung) bis hin zu psychischen und ich rede hier nicht von PMS, sondern von handfest Depressionen.

Aber hey, immerhin kannste dann nicht schwanger werden. Wir sind ja darüber aufgeklärt und wer sie dennoch nimmt, ist selbst schuld, oder wie?

Ein Kondom kann reissen. Die Pille kann nicht wirken. Einmal, zweimal oder siebzehnmal die Pille danach zu nehmen, wird „uns“ wohl kaum über den Styx jagen.

In der Twitter Debatte fiehl auch mehrere Male das Argument, dass auch Schmerzmittel schädliche Nebenwirkungen hervorrufen können, diese aber auch rezeptfrei zu erhalten sind. Spahns Reaktion daraufhin war, dass es genau deshalb ja auch immer wieder Debatten für eine Rezeptpflicht gibt. Aber selbst dann erhielte ich immernoch eine 10er Packung, eben auf Rezept, und nicht nur eine Tablette.

Hier wird auf die gesunde Urteilsfähigkeit der Menschen vertraut (und die Hoffnung, dass sie sich nicht selbst verletzen wollen/werden). Ähnlich bei Hustensaft und der Pille „davor“. Warum dann nicht auch bei der Pille danach?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es sich hierbei eher um ein emotionales Thema handelt, dass diese Emotion irgendwo zwischem anti-pro-choice und männlichem* Überlegenheitsgedanken angesiedelt ist. Der Gedanke, dass Männer* rationaler und Frauen* emotionaler sind und deswegen nicht darüber entscheiden können sollten, welche Pille sie sich wann einwerfen. (Kopfschmerztabletten benötigen ja auch Männer, von daher.)

Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Bitte.

Mein Lieblingstweet des ganzes Tages kam übrigens auch von Herr Spahn „Ich halte fest: Männer dürfen nix zur Pille danach sagen, Schwule schon mal gar nicht. Wenn das all eure Argumente sind… ‪#wiesmarties“

Nein, Herr Spahn, dass sind nicht all „unsere“ (wer ist eigentlich dieses „wir“?) Argumente. Vielleicht sind es nur die, die sie gern hören und sehen wollen, weil das sich auch so wunderschön in den Reigen reiht, in dem Männer* sich über die Meinungen und Argumente von Frauen* hinwegsetzen und sie als naiv und dümmlich im Raum stehen lassen, absolut losgelöst davon, was sie tatsächlich sagen und tun. Es gibt eine große Anzahl hervorragender Artikel und Blogeinträge von Frauen* die sich mit dem Thema beschäftigen und sehr gut argumentieren, warum die Pille danach rezeptfrei werden sollte. Muss.

Menschen ohne Uterus dürfen sich natürlich auch zu dem Thema äußern, aber die Meinung „Betroffener“ darf dabei nicht ignoriert werden oder ausgeräumt als seichtes Gelaber und mit dem Argument der zu großen Subjektivität.

Ähnliche Vorgehensweisen gibt es auch in anderen Diskussionen. „weiße“ von (kulturellem) Rassismus nicht betroffene Menschen, die mit sich selbst über Rassismus sprechen und die Meinung betroffener Menschen nicht beachten, sie ihnen sogar absprechen und sich selbst als Expert_innen inszenieren. (Hierzu bitte bitte das Buch „Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus“ von Noah Sow lesen). Oder Menschen ohne Fluchterfahrung, die über geflüchtete Menschen sprechen ohne auch nur eine Person mit ebendieser Erfahrung zu Wort kommen lassen. (Es gruselt noch immer bei der Erinnerung an die „Hart aber fair“ Folge.).

Oder eben Männer* die über Frauen* sprechen, ohne eine Frau* zu Wort kommen zu lassen.

(Und das Argument: „ich kenne aber eine Frau* die…“ ist einfach nicht valide.)

Oder glaubt wirklich eine_r der Politiker_innen die sich gegen die rezeptfreiheit der Pille danach positionieren, dass junge Frauen* plötzlich ungehemmt und ohne Verhütung Sex haben, weil es ja die Pille danach gibt? Die immerhin jedes Mal zur Verfügung steht und auch nur 18 Euro pro Stück kostet. Also, Smarties sind da günstiger.

Kurzer Exkurs.

Eine Frau* oder ein Paar* oder zwei Herzmenschen in heterosexueller Beziehung verhütet. Das bedeutet meist, dass gerade oder generell kein Kinderwunsch besteht. Dann reisst das Kondom und aufgrund oben genannter Nebenwirkungen nimmt die Frau* keine Pille. Die Angst ist groß, die Zeit im Monat ist auch sehr heikel, also ab in die Apotheke und die Pille danach genommen, und alles ist gut.

Oder: warten bis zum nächsten Tag (wahlweise auch diverse Stunden in Notaufnahmen) auf einen Termin bei der/dem Frauenärztin/ arzt. Dort finden sich unter Umständen eine der beiden Situationen ein a) gelangweiltes/ verständnisvolles, ah okay, kein Problem, Rezept ausfüllen. Beratung? Douh’. (Gibt ja auch viele Frauen* die diese gar nicht mehr brauchen und/ oder schon oft hatten.) Situation b) Vorwurfsvolles Augenrollen, schnaufen, wiekonntedasdennpassieren, siemüssendochaufpassen, sowasnachlässiges. Rezept ausfüllen. Beratung? Vorwurf wohl eher.

JA, natürlich gibt es großartige Gynäkolog_innen, die nicht in dieses Muster passen, viele sogar, aber die Angst, die Scham und das Kopfkino machen alles ziemlich schnell ziemlich schlimm. Abgesehen natürlich von den Menschen, die das trotzdem ganz cool händeln können. (Ich ziehe vor jenen meinen Hut!)

In einer Welt, in der die Pille danach, genauso wie Abtreibung von der Willkür und der Meinungen der Gyn’s abhängen würde, wöllte ich nicht leben.

So viele von „euch“ argumentieren mit dem Lebensrecht des Kindes. Okay. Fair enough. Aber was ist mit dem Lebensrecht der ungewollten Mutter? Was ist, wenn sie einfach kein Kind will. EGAL aus welchem Grund. Ist das nicht valide? Gilt das denn nichts? Die Ächtung für Abtreibung (manche betrachten ja auch die Pille danach als Abtreibung) ist verdammt hoch. Willkommen im Mittelalter. Hexe Hexe Hexe.

Nicht jede Frau* will Mutter sein. Nicht jeder Mensch möchte Kinder. Nicht für jede_n stellt dies das höchste Glück der Erde dar und manche trauen es sich nicht zu. Die Gründe sind da ganz persönlich.

Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen dafür, dass ich keine Kinder haben möchte. Nicht jetzt. Nicht vor 5 Jahren. Nicht in 10 Jahren. Und ja, vielleicht würde ich auch abtreiben. Die Gründe dafür gehen „euch“ nichts an. Vielleicht meine Familie etwas und sicher meine_n Parnter_in. Aber nicht irgendwelche Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen.

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4 thoughts on “Sehr dünnes, glattes Eis. Oder nicht?

  1. Thanks. Tausend Mal wiederholt und doch noch immer nicht oft genug gesagt. Wie scheiße hartnäckig ist dieses angeblich so überholte Patriarchat eigentlich?! #undtäglichgrüßtdasmurmeltier

  2. Manchmal frage ich mich ernsthaft in welchem Jahrzehnt wir leben. Das klingt immer noch alles so nach 70er Jahre. Insofern: Chapeau für den Rant!

    Randbemerkung: Die Pille danach ist ja leider auch nicht so unproblematisch als Lösung wie man immer denkt, vgl. Von Plan B zu Plan V. Der neuste PETA-Fail. bzgl. Gewichtsproblematik. Was mit der Rezeptpflicht natürlich nix zu tun hat… Ich fand das nur so nen Schocker, daß ich denke, es schadet nicht, das mitzuerwähnen. 🙂

  3. lebensrecht des kindes? wt?

    in dem stadioum IST DA KEIN KIND!!! n dem stadion is da n mikrometerdünes pustelchen aus stammzellen.
    das ist in etwa so empundungsfähig wie meine haare-kann wachsen und das wars.

    als biologin kommt mir immer die kalte kotze hoch wenn jemand einen zellklumpen (etwa das was mensch ausmenstruiert-blut und schleimhautzellklumpen) mit einem lebenden menschen vergleicht (oder auch nur mit nem fetus, der so weit ausgebildet ist, dass das hirn eben funktionsfähig ist und reize aufnehmen und verarbeiten kann. Ab da ist schmerzfähigkeit da,(wobei immernoch sehr rudimentär, nix mit gedanken oder komplexen, speziischen dingen(wie angst vor x,y,z) ab da ist es für mich relevant darüber nachzudenken, ob der einmalge schmerz des sich ausifferenzierenden klumpen schlimmer ist als mein leben lang n blag an der backe zu haben oder potentielle gesundheitkrisen in aussicht zu haben (is ja nicht ganz ungefährlich so ne schwangerschaft)
    und wenn as fetus weit genug gewachsen ist, dass es nurnoch wachsen kann (so um 3,4 monat) is für mich abtreibung nur in ausnahmefällen(gesundheitsgeährdung der mutter) ok-weil es da nämlich ein eigenes potentiell autonomes und vor allem leidensfähiges lebewesen ist,

    der zellklumpen er sich bei befruchtung da bildet nicht. der is und bleibt ein zellklumpen-die ersten wochen.

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