Noch eine Version des Slams von Julia Engelmann.

Achtung, Triggerwarnung: Depression, Trauer

Es hätte nie so sein können, wie du es dir gewünscht hättest / Reckoning.

Eines Tages, Baby, wenn du alt bist, Baby,

wirst du dich fragen können,

müssen, wollen, werden

wieso deine Jugend, dein Erwachsen:

werden und deine Kindheit nicht so verlaufen sind,

wie du es gern geträumt hättest.

Dann wirst du dich rechtfertigen müssen,

vor all den Menschen, die immer noch

und immer

wieder

der Meinung sind, dass „den Arsch hochkriegen“

die einzige valide Lebenstrategie ist.

Baby, die Menschen werden

dann

immernoch nicht verstehen können

wie es ist.

Wie es war.

Wie es gewesen ist, als du nicht aus dem Bett kamst,

dein Körper zentnerschwer

dein Willen noch weniger kraftvoll

als jeder verdammte Kieselstein am Meeresgrund.

Wenn das Leben über dich hinwegrauscht

wie ein Taifun.

Die meterhohen Wellen dich verschlucken

und du würdest ja.

Du würdest ja so gern wollen, dass es anders ist.

Dass du zu den Menschen gehörst,

die Motivation ziehen können.

Aus Nächten auf Häuserdächern

und betrunkenen Parties.

Du kennst das, Baby, zur Genüge.

Diese Selbstleugnung und den Versuch

cooler zu sein als alle anderen.

Lässig und stark zugleich.

Unabhängig.

Aber, Baby, es treibt dich immer wieder

unter die Wellen.

Weil es manchmal einfach nichts gibt.

Weil es manchmal einfach nichts mehr

zu geben scheint,

für dass es sich heute.

Oder morgen.

Oder gestern.

Auch nur im entferntesten gelohnt hätte zu leben.

Ein Wartezimmer und ein Anruf auf dem Smartphone

wären noch einfache Dinge gewesen,

die du dir gewünscht hättest.

Aber dein Leben,

dein Leidensdruck spielt anders.

Tick tack ist nicht dein Rhythmus.

Scheincoole Sprüche von privilegierten Happy People

waren nie so dein Ding.

Denn du kennst die Wahrheit.

Du weißt wie es ist, wenn es nur noch weh tut.

Du weißt wie Trauer und Depression gestrickt sind.

Für dich. Individuell.

Du weißt wie es sich anfühlt der Putz des Hauses

deiner Familie zu sein.

Du weißt wie es ist, wenn alles unter deinen Füßen

wegbricht.

Wenn dein Leben von einer Sekunde auf die andere

plötzlich

aus dem Nichts

ungeahnt

und weggehofft

nicht mehr so ist, wie es war

niemals so sein werden kann, wieder.

Oh, Baby.

Das letzte was du brauchst,

sind Menschen, die dir erklären wollen

wie „wir“ zu sein haben.

Komm her, Liebstes,

wenn du magst, nimm meine Hand.

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Sehr dünnes, glattes Eis. Oder nicht?

Es war diese Woche mal wieder soweit und wenn es nicht so ein ernstzunehmendes Thema wäre, hätte ich mich beinahe mit Popcorn vor den Bildschirm gesetzt. Programm: shitstorm #wiesmarties bei Twitter, ausgelöst durch Jens Spahn, seines Zeichen gesundheitspolitischer Sprecher bei der CDU.

Und er nimmt diese Rolle ernst, sehr ernst, so ernst sogar, dass er immerhin 2 Argumente gegen die Rezeptfreiheit der Pille danach vorzuweisen hat.

1. Die Nachwirkungen sind gravierend.

2. Die Pille muss rezeptpflichtig bleiben, weil wir in ‘Schland so eine ausgezeichnete 24/7 Gesundheitsversorgung haben.

Bei letzterem des letzterem muss ich ihm recht geben, die Gesundheitsversorge ist relativ  ausgezeichnet (immerhin, wenn du eine Krankenversicherung hast und nicht unbedingt auf einem Dorf ohne Auto wohnst…)

Die Nebenwirkungen.

Ja, die sind da, die sind groß, die können schlimm sein. Aber wie ist es um die Nebenwirkungen der Pille gestellt, die, die so viele Frauen* jeden Tag einnehmen (ca. 281 Stück pro Jahr)? Im Grunde wird von „uns“ fast schon stillschweigend angenommen, dass wir das schlucken. Aber gleichzeitig sind sich sehr viele Menschen der Nebenwirkungen bewusst. Das beginnt dabei, dass der individuelle Hormonhaushalt völlig durcheinander kommt, zieht sich über körperliche Beschwerden (Haut, Haare, Gewicht, Wassereinlagerungen, Schmerzen, verstärkte Blutung) bis hin zu psychischen und ich rede hier nicht von PMS, sondern von handfest Depressionen.

Aber hey, immerhin kannste dann nicht schwanger werden. Wir sind ja darüber aufgeklärt und wer sie dennoch nimmt, ist selbst schuld, oder wie?

Ein Kondom kann reissen. Die Pille kann nicht wirken. Einmal, zweimal oder siebzehnmal die Pille danach zu nehmen, wird „uns“ wohl kaum über den Styx jagen.

In der Twitter Debatte fiehl auch mehrere Male das Argument, dass auch Schmerzmittel schädliche Nebenwirkungen hervorrufen können, diese aber auch rezeptfrei zu erhalten sind. Spahns Reaktion daraufhin war, dass es genau deshalb ja auch immer wieder Debatten für eine Rezeptpflicht gibt. Aber selbst dann erhielte ich immernoch eine 10er Packung, eben auf Rezept, und nicht nur eine Tablette.

Hier wird auf die gesunde Urteilsfähigkeit der Menschen vertraut (und die Hoffnung, dass sie sich nicht selbst verletzen wollen/werden). Ähnlich bei Hustensaft und der Pille „davor“. Warum dann nicht auch bei der Pille danach?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es sich hierbei eher um ein emotionales Thema handelt, dass diese Emotion irgendwo zwischem anti-pro-choice und männlichem* Überlegenheitsgedanken angesiedelt ist. Der Gedanke, dass Männer* rationaler und Frauen* emotionaler sind und deswegen nicht darüber entscheiden können sollten, welche Pille sie sich wann einwerfen. (Kopfschmerztabletten benötigen ja auch Männer, von daher.)

Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Bitte.

Mein Lieblingstweet des ganzes Tages kam übrigens auch von Herr Spahn „Ich halte fest: Männer dürfen nix zur Pille danach sagen, Schwule schon mal gar nicht. Wenn das all eure Argumente sind… ‪#wiesmarties“

Nein, Herr Spahn, dass sind nicht all „unsere“ (wer ist eigentlich dieses „wir“?) Argumente. Vielleicht sind es nur die, die sie gern hören und sehen wollen, weil das sich auch so wunderschön in den Reigen reiht, in dem Männer* sich über die Meinungen und Argumente von Frauen* hinwegsetzen und sie als naiv und dümmlich im Raum stehen lassen, absolut losgelöst davon, was sie tatsächlich sagen und tun. Es gibt eine große Anzahl hervorragender Artikel und Blogeinträge von Frauen* die sich mit dem Thema beschäftigen und sehr gut argumentieren, warum die Pille danach rezeptfrei werden sollte. Muss.

Menschen ohne Uterus dürfen sich natürlich auch zu dem Thema äußern, aber die Meinung „Betroffener“ darf dabei nicht ignoriert werden oder ausgeräumt als seichtes Gelaber und mit dem Argument der zu großen Subjektivität.

Ähnliche Vorgehensweisen gibt es auch in anderen Diskussionen. „weiße“ von (kulturellem) Rassismus nicht betroffene Menschen, die mit sich selbst über Rassismus sprechen und die Meinung betroffener Menschen nicht beachten, sie ihnen sogar absprechen und sich selbst als Expert_innen inszenieren. (Hierzu bitte bitte das Buch „Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus“ von Noah Sow lesen). Oder Menschen ohne Fluchterfahrung, die über geflüchtete Menschen sprechen ohne auch nur eine Person mit ebendieser Erfahrung zu Wort kommen lassen. (Es gruselt noch immer bei der Erinnerung an die „Hart aber fair“ Folge.).

Oder eben Männer* die über Frauen* sprechen, ohne eine Frau* zu Wort kommen zu lassen.

(Und das Argument: „ich kenne aber eine Frau* die…“ ist einfach nicht valide.)

Oder glaubt wirklich eine_r der Politiker_innen die sich gegen die rezeptfreiheit der Pille danach positionieren, dass junge Frauen* plötzlich ungehemmt und ohne Verhütung Sex haben, weil es ja die Pille danach gibt? Die immerhin jedes Mal zur Verfügung steht und auch nur 18 Euro pro Stück kostet. Also, Smarties sind da günstiger.

Kurzer Exkurs.

Eine Frau* oder ein Paar* oder zwei Herzmenschen in heterosexueller Beziehung verhütet. Das bedeutet meist, dass gerade oder generell kein Kinderwunsch besteht. Dann reisst das Kondom und aufgrund oben genannter Nebenwirkungen nimmt die Frau* keine Pille. Die Angst ist groß, die Zeit im Monat ist auch sehr heikel, also ab in die Apotheke und die Pille danach genommen, und alles ist gut.

Oder: warten bis zum nächsten Tag (wahlweise auch diverse Stunden in Notaufnahmen) auf einen Termin bei der/dem Frauenärztin/ arzt. Dort finden sich unter Umständen eine der beiden Situationen ein a) gelangweiltes/ verständnisvolles, ah okay, kein Problem, Rezept ausfüllen. Beratung? Douh’. (Gibt ja auch viele Frauen* die diese gar nicht mehr brauchen und/ oder schon oft hatten.) Situation b) Vorwurfsvolles Augenrollen, schnaufen, wiekonntedasdennpassieren, siemüssendochaufpassen, sowasnachlässiges. Rezept ausfüllen. Beratung? Vorwurf wohl eher.

JA, natürlich gibt es großartige Gynäkolog_innen, die nicht in dieses Muster passen, viele sogar, aber die Angst, die Scham und das Kopfkino machen alles ziemlich schnell ziemlich schlimm. Abgesehen natürlich von den Menschen, die das trotzdem ganz cool händeln können. (Ich ziehe vor jenen meinen Hut!)

In einer Welt, in der die Pille danach, genauso wie Abtreibung von der Willkür und der Meinungen der Gyn’s abhängen würde, wöllte ich nicht leben.

So viele von „euch“ argumentieren mit dem Lebensrecht des Kindes. Okay. Fair enough. Aber was ist mit dem Lebensrecht der ungewollten Mutter? Was ist, wenn sie einfach kein Kind will. EGAL aus welchem Grund. Ist das nicht valide? Gilt das denn nichts? Die Ächtung für Abtreibung (manche betrachten ja auch die Pille danach als Abtreibung) ist verdammt hoch. Willkommen im Mittelalter. Hexe Hexe Hexe.

Nicht jede Frau* will Mutter sein. Nicht jeder Mensch möchte Kinder. Nicht für jede_n stellt dies das höchste Glück der Erde dar und manche trauen es sich nicht zu. Die Gründe sind da ganz persönlich.

Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen dafür, dass ich keine Kinder haben möchte. Nicht jetzt. Nicht vor 5 Jahren. Nicht in 10 Jahren. Und ja, vielleicht würde ich auch abtreiben. Die Gründe dafür gehen „euch“ nichts an. Vielleicht meine Familie etwas und sicher meine_n Parnter_in. Aber nicht irgendwelche Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen.