Kommentar zum Kommentar

Oder: Unsere Unlust sei dir ein Dorn im Aug’. Zum unsinnigsten Text des Jahres.

Es gibt keinen besonders aktuellen Anlass zu dem ich diesen Kommentar schreibe, nur hatte ich bisher weder Zeit noch die Geduld hierfür. Am 12.07.2013 schrieb Magnus Klaue, der sich scheinbar gern wütend „der Linken“ widmet, in der „Konkret“ einen Artikel unter dem schönen Titel „Das gelebte Nichts“. In dem er sich zu Asexualität, Homosexualität und Gendertheorie äußert. Sehr lang, ausschweifend und komplex in der Wortwahl, oder auch, um es mit den Worten einer Bekannten zu sagen „Da hat sich jemand viel Mühe gegeben dich zu hassen.“ Tatsächlich richtet sich der Text nicht nur an mich, sondern zerreißt den Blog die Mädchenmannschaft in dessen Gänze, aber exemplarisch auch meinen Beitrag „Asexualität scheint nicht zu existieren“ sowie die darunter geschriebenen Kommentare.

Da ich nun ein wenig Zeit und Muße habe, möchte ich diesem geistigen Tiefschlag endlich die Antwort widmen, die er verdient, oder besser gesagt, die Fragen stellen, die noch offen sind, jedoch werde ich mich nicht im Einzelnen zu den Punkten äußern.

An erster Stelle möchte ich sagen, dass der Artikel nicht allzu leicht lesbar ist, er strotzt vor unerklärten Begriffen und Lehnwörtern aus verschiedenen Sprachen, die Sätze sind zu lang und verschachtelt. Das ist aber auch etwas, dass in akademischen oder gern als „intellektuell“ bezeichneten Kreisen häufig so gehalten wird: Eine Sprache nutzen die möglichst klar abgrenzt zu den Menschen, die diese nicht nutzen/verstehen wollen/können, aus welchen Gründen auch immer, ist. Legitime Sprache sozusagen, die die eigene Performance der hochkulturellen Verortung unterstützt und auf den ersten und vielleicht zweiten Blick alles glaubhaft erscheinen lässt. Den Vorwurf klassistischer Verhaltensweisen stelle ich hier. Wut wird nicht weniger eine solche, nur weil sie in möglichst vielen Zeichen niedergeschrieben wird. Dennoch frage ich mich (und ganz direkt Sie Herr Klaue) was bitte der Auslöser für eine solche Länge an Tiraden war? Zeitgleich lassen Sie sich jedoch nicht lumpen und werfen mit formvollendeten Beleidigungen um sich; „Hirnschrott“ ist dabei meine liebste.

Schon der Untertitel strotzt vor Ungläubigkeit und dem Wunsch das Folgende lächerlich zu machen.

In der Amöbenwelt, zu der den Gendertheoretikern die Menschheit geschrumpft ist, gibt es eine neue Zellkultur: die Asexuellen.“. Das stimmt schlicht nicht, Asexualität ist weder neu, noch hängt sie direkt und zwangsweise mit Gendertheorie zusammen. Aber sei’s drum, das Bild als solches ist recht hübsch gewählt und anschaulich (und nicht nur eigener kreativer Prozesse entspruungen). Aus anderen Artikeln des Autors wird klar, dass er nicht besonders begeistert von geschlechtsneutraler Sprache oder feministischen Ansätzen ist, aber darum geht es in dem ursprünglichen Beitrag von mir auch gar nicht, sondern schlicht und ergreifend um eine sexuelle Orientierung. Und die sexuelle Orientierung eines Menschen, solange es sich dabei um konsensfähige Spielarten handelt, hat meiner persönlichen Sicht nach eine Dritte Person so sehr in Emotionalität zu versetzen wie die Frage, ob dieser Mensch nun lieber Schach oder Backgammon spielt.
Selbstredend muss ich zugeben, dass ich mich selbst in die Schusslinie begeben habe, da ich öffentlich geschrieben habe, also gut, was nur überrascht ist, die Wut und der Grad der Entrüstung in Klaues Artikel, als spräche ich vom Untergang der Welt oder hätte einen Anschlag auf Frau Merkel geplant.
Abgesehen davon, dass Magnus Klaue ein „Grauen vor der Zukunft“ verspürt, weil es Menschen gibt die kein sexuelles Begehren verspüren und scheinbar einen Verrat an allen Emanzipationsbewegungen darin sieht, frage ich mich wirklich, also wirklich und zutiefst, warum er sich dazu hingerissen fühlt, Menschen ihre eigene und selbst definierte Sexualität absprechen zu wollen. Es geht ihm ja nicht einmal darum, sich wirklich zu informieren oder neues Wissen und Verständnis zu erlangen, sondern es wird alles Beiseite gewischt, was er sich nicht vorstellen kann und will. Wieso ist es der Verrat an Emanzipationsbewegungen wenn Menschen sich selbstbewusst und laut zu ihrer Sexualität bekennen? Ich würde diese Frage gern komplex ausformulieren, aber dadurch wird sie nicht verwertbarer, da sie im Kern völliges Unverständnis ob dieser Schlussfolgerung bleibt.

“… solche Menschen, deren Babysprech den Grad ihrer Individuation angemessen spiegelt, haben sich tatsächlich freiwillig längst zu Einzellern gemacht, die mit anderen Lebewesen allenfalls »interagieren« können, denen sonst aber humanoide Eigenschaften wie Empathie, Mitleid, Trauer, Fähigkeit zum Glück und zur Wahrheit abhanden gekommen sind.“ Ach, Herr Klaue, damit lehnen sie sich auf eine Art und Weise aus dem Fenster, die eigentlich ihrer nicht würdig ist. Wie Eingangs vermerkt, ist mir der möglichst hoch angelegte Abstraktionsgrad Ihrer Sprache bewusst und ich entscheide mich bewusst dagegen, aber deswegen müssen sie meinen „grüblerischen“ Stil nicht gleich als Babysprech abwerten, wenn Sie möchten lasse ich Ihnen auch gern eine Kopie des Textes in Bourdieu’scher oder Kafkaesker Form zukommen. Eine solche Abwertung und Beleidigung meiner Schriftsprache trägt nicht gerade zu konstruktiver Kritik am Text bei und macht Sie, in meinen Augen, nicht glaubwürdiger. Desweiteren ist es mir schleierhaft, wie von nicht vorhandener Lust auf Sex auf die Abhandenheit anderer „humanoider“ Eigenschaften geschlossen werden kann. Dazu möchte ich nur sagen, dass ich seit mehr als 2 Jahren in tiefer Trauer bin, Mitgefühl empfinde, Empathie auch für Menschen deren Identität ich nicht teile, Wahrheit suche und zu ihrer Verbreitung eben durch solche Beiträge beitragen möchte und ja, tatsächlich ein Mensch bin, in allen Facetten. Auch unter dem von Ihnen verwendeten Vorwurf des Wahnsinns, der kaum originell ist, da er schon seit Jahrhunderten als Totschlagargument (teils auch im wörtlichen Sinne) verwand wird um Menschen nicht nur zum Schweigen zu bringen, sondern ihnen auch noch jedwede Form der Zurechnungsfähigkeit und der Notwendigkeit Dritter sich mit ihnen zu beschäftigen, abgesprochen wird.

Aber dank ihrem Text bin ich beruhigt, solange sie schreiben bleibt uns die Emanzipation erhalten und die Menschheit heile und alle Asexuellen Menschen suchen sich nun bitte jemand für heute Nacht, ich meine, es geht ja so nicht, dass es Menschen gibt, die keine Lust auf Sex verspüren, immerhin die schönste Sache der Welt. So, fast.

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5 thoughts on “Kommentar zum Kommentar

  1. Hey! Ich hoffe du nimmst dir dieses Blindeumsichschlagen von Magnus nicht so sehr zu Herzen. Ich bin immer wieder entsetzt, wie jemand, den ich mal für sehr schlau gehalten habe, sich so weit von den eigenen Grundsätzen entfernen kann – ich dachte, daß irgendwas von der mantrahaften Wiederholung, die Utopie bestünde darin “ohne Angst verschieden sein zu können” schon hängenbleiben würde. Statt dessen wird panisch alles abgewehrt, was man nicht versteht und nach Möglichkeit in diffamierende Schubladen gepackt, um es bloß unter Verschluß zu halten. Angesichts der Tatsache, daß dann auch noch wirklich alles was man selber tut und denkt der kritisierten Person(engruppe) angelastet wird, bin ich versucht die allseits beliebte Projektionskarte zu zücken. 😉 Wo wir gerade beim Spielen sind, ich fand deinen Schach-Backgammon-Vergleich sehr schön. Und auch daß du dich dem Jargon verwehrst. Der ist sowieso nur dazu da, das Ressentiment in die immergleiche, erkenntnisfreie Form zu gießen.

  2. @Daisy Andersherum wird ein Schuh draus: Magnus Klaue widerspricht des Schubladendenkens postmoderner Identity Politics, die Individuen nur noch als Teil seiner Subsubgruppe anerkennt. Exemplarisch ist das der Fall, wenn Menschen, die keinen Bock auf Sex haben, nicht einfach damit glücklich alt werden können, sondern sich als Asexuelle positionieren und exponieren müssen. Das ist das Gegenteil von Adornos Diktum. Es ist die Gleichmachung der Verschiedenen, durch Subsumtion unter eine Handvoll soziale Identitäten.

    • Aber es ist okay, wenn sich Menschen, die der (imaginierten) Mehrheitsmeinung oder -identitaet sich exponieren? “Randerscheinungen” seid schoen still und zeigt euch nicht? Diese Sicht ist gleichmacherei. Sich gestoert und bedroht fuehlen von etwas, dass auch nur im geringsten Abweicht. Aber alle die es dem strukturellen Ueberbau gleichtun duerfen damir in die Welt gehen und Menschen beleidigen?
      Mir ist Adorno dabei voellig gleich, aber wenn wir den Gedanken weiterspinnen wird es gefaehrlich fuer Leib und Leben vieler Menschen.
      Ach, stopp… ist es ja schon!

  3. die Polemik muss, wie in vielen linken Texten, einfach ünerhört/überlesen werden. Und was bei Klaue oft Missverstanden wird: Es geht nicht um eine explezite Kritik an deinen Texten, sondern eine allgemeine Kritik, für die dein Text herangezogen wurde. Daher wird dir ja auch nicht persönlich vorgeworfen, dass dir irgendwelche menschlichen Eigenschaften fehlten, sondern dies als allgemeine gesellschaftliche Tendenz, die ihren Ausdruck unter anderem in queerer Politik, Polyamorie und weiteren modischen, linken Spielarten.
    Versuch vielleicht nochmal mehrere Texte von Klaue anzuhören und dies dann als Denkanstoß zum Hinterfragen einiger Theorien zu nehmen…

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