Nimm mir nicht meinen Wahnsinn.

Da draußen gibt es Listen und Analysewerkzeuge, Kurvendiagramme und Ordner und Menschen die das sprichwörtlich in der Hand halten und sagen dürfen was „normal“ ist und „gesund“ und was „krank“ oder „gestört“.

Aber woher nehmen sich Menschen mit einigen hübschen Zertifikaten an der Wand und ein paar Jahren des Lernens im Rücken denn das Recht heraus dem Rest der Welt zu sagen, was sein darf und was nicht? Wer hat sich denn hingesetzt und auf Verdacht gesagt, wie viel Emotion erlaubt ist, sein kann, und wann sie stört. Und vor allem, wen stört sie denn?

Eigentlich stört sie doch nur ein kapitalistisches System, in dem „wir“ alle dazu aufgefordert werden zu arbeiten, zu schaffen, in Lohnarbeitsverhältnissen um den ganzen Kram, inklusive der Dinge die wir nicht mögen und haben wollen, die jetzt aber „eben so sind und nicht zu ändern“ (Neokolonialistische Verhältnisse und Sklaverei, die so nicht mehr genannt werden darf/kann/wird zum Beispiel) aufrecht zu erhalten, aber sich dagegen zu erwehren stört ja schon und ist deswegen nicht bequem.

Oder darin nicht funktionieren zu wollen oder zu können. Weil gerade deine ganzen Welt in Trümmern liegt, da ein Menschen den du liebst gestorben ist, zum Beispiel. Tja, Pech gehabt, bald haben wir dafür noch zwei Wochen Zeit. ZWEI WOCHEN! Das neue Analysemodell macht’s möglich. Zwei Wochen Trauer, was darüber hinausgeht ist eine Depression und kann/muss/soll/darf dann als solche behandelt werden, sprich Psychopharmaka werden verordnet, der/dem „Patient*in“ noch ein schlechtes Gewissen und Selbstzweifel untergejubelt (Was kann es eigentlich alles auslösen gesagt zu bekommen, krank zu sein?) und ab geht’s, jetzt muss es dir gleich bald wieder besser gehen, was daran zu sehen ist, dass du Alltagstauglich bist, was daran zu sehen ist, dass du deinem Vollzeitjob in adäquater Manier nachgehen kannst. Klingelt’s?

Bei mir schlagen Kirchenglocken im Hirn. Es geht dabei doch gar nicht darum Menschen „gesund zu machen, ihnen zu helfen“ (den Therapeut*innen die vor dir sitzen schon, dem System dahinter aber nicht), sondern darum, Menschen die „anders“ sind in ein System zu pressen, von dem „wir“ denken, dass es gut und richtig und funktional sei. Sonst würden sie ja „Schmarotzer*innen“ sein, oder gehören eben weggesperrt.

Irgendwelche Daten bestimmen also, wann ich krank und wann gesund bin. Oder gestört Schönes Wort übrigens. „Störung“. Lässt gar nicht darauf schließen, ob es dich (oder mich oder wen auch immer) „stört“ was mit dir geschieht, wie du bist, wer du bist, sondern er einfach nur eine Linie zieht und dir zeigt, ab wann es deine Gesellschaft stört, wie du bist, also muss es auch dich stören, also hast du behandelt zu werden, damit du gefälligst wieder gesund wird. Dammnit.

Fuck. Ich will nicht, dass ihr mir sagt, ob ich gesund oder krank oder gestört oder wasauchimmer bin. Ich will von euch nicht gesagt bekommen was in unserer Gesellschaft bitte schön gerade so noch in den Rahmen passt und permanent immanent Gedanken, Emotionen, Reaktionen, Meinungen, Bilder, Schüttelfrost und Bauchweh, Kopfschmerzen und Zähneknirschen in Schach halten um eben nichts ver-rücktes zu tun, sagen, denken, fühlen oder sonst irgendwie rauszulassen. Und dann nichtmal darin ernstgenommen werden, sich selbst nicht mehr ernst nehmen können und doch immer nur und immer fester gegen Mauern zu rennen, außen und innen. Aber bitte schön anpassen, sonst gehörst du weggesperrt.

Weggesperrt in einer Welt voller Menschen die definieren wieiviel Emotion gesund ist und wo Krankheit anfängt.
JA, ich will meinen Wahnsinn behalten. Denn er schafft. Er schafft Dinge und Produkte und Momente und Erlebnisse, die für euch wertlos sind, weil nicht kapitalistisch verbuchbar, keine Kosten-Nutzen-Rechnung für euch. Ich mag meinen Wahnsinn. Er ist nicht nur ein Teil von mir, sondern der Teil, der mich in dieser kranken Welt nicht verrückt werden lässt.
Aber wenn ich das laut ausspreche, laufe ich ja fast schon Gefahr in Therapie zu müssen, denn solche Gedanken und Schlüsse sind ja nur Auswüchse eines wahnsinnigen Gehirns und daher schon Zeichen, das etwas mit mir nicht stimmt. Ja, ich finde das bedrohlich.

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