Asexualität? Neeeeeee….. oder?

Eigentlich schreibe ich keine Blogposts über privat-politische Themen. Ich diskutiere darüber verbal, aber halte mir somit auch ein Hintertürchen offen, denn Meinungsänderung durch Überzeugung seitens Dritter ist einfacher, wenn es nicht irgendwo schwarz auf weiß steht. Und ja, ich habe manchmal Angst vor der Kritik, schriftlich, ausformuliert, weil mir oft die Kraft ausgeht, auf halber Strecke sozusagen. Aber ich versuche es jetzt dennoch, weil ein mir wichtiges Thema oft im gesellschaftlichen Diskurs egal welcher „Art“ keine Beachtung findet.

Asexualität wird nicht totgeschwiegen, sondern scheint einfach nicht zu existieren. In den Köpfen der meisten Menschen geht es um sexuelles Begehren. Es wird an allen Ecken über Hetero-, Bi-, Homosexualität und Queer gesprochen, geschrieben, positiv sowie negativ reagiert, aber Asexualität? Mmh. Nö. Is’ nich’. Wenn überhaupt, wird Asexualität oft pathologisiert und abgesprochen. Sie wird mit Unlust, Prüderie, einfach „noch nicht die*den Richtige*n im Bett gehabt“ oder gar Traumata gleichgesetzt.

Unsere Zeit ist übersexualisiert. Kommerzialisierter, pornifizierter Sex begegnet uns überall und ständig. Sexuelles Begehren wird überall produziert, wir definieren uns darüber, sprechen darüber, schreiben darüber, definieren uns darüber. Fakt ist, wir sind eigentlich sexuelle Wesen. Darüber reproduzieren wir uns. Punkt. Das muss nicht weiter erklärt werden. Fakt ist auch, dass viele Menschen keinen Spaß am Sex haben. Nicht so richtig. Warum auch immer.
Fakt ist ebenfalls, dass „Sex“ überall ist, überall und ständig und immer werden wir dem ausgesetzt. Also scheint es normal zu sein. Nein, es ist die Norm.

Ich hatte mit 17/18 Jahren mein Coming-out als bisexuell. Das war schon nicht lustig und die Kommentare, Bemerkungen, Reaktionen möchte und muss ich glaube ich hier nicht wiedergeben. Dann begann ich mit Anfang 20 anzufangen über (mögliche?) Asexualität nachzudenken, einige Jahre später mit Freund*innen darüber zu sprechen. Zunächst mit Menschen, deren sexuelle Offenheit mir bekannt war. Menschen, die mich kennen, denen ich vertraue.

Trotzdem tat es manchmal weh. Es tat genauso weh, als ich mit mir nicht so gut bekannten Menschen sprach. Überrascht hat es mich nicht, ich war nur von der Kreativität einiger Aussagen überrascht, die es UNBEDINGT erklären wollen. Es KANN JA NICHT SEIN, dass mensch kein sexuelles Verlangen habe. Keine Lust. Die Frage, ob mir in meiner Kindheit irgendetwas beinahe Unaussprechliches zugestoßen sei, das sah ich in den Blicken einiger und musste es von vornherein entkräften.Es wurden auch Verbindungen zwischen meiner Ernährungsform (die zwischen Vegetarismus und Veganismus abwechselt) gezogen. Fleischeslust wieder aufgerollt (Anm. d. Red.: im Buch „The sexual politics of meat“ von Carol J. Adams wird dieser Mensch-Tier-Zusammenhang in kulturellen Diskursen ebenfalls thematisiert etwa das Fleischessen als Männlichkeitsmarker).

Menschen wird es abgesprochen asexuell zu sein, wenn sie Sex haben, wenn sie Körperlichkeiten egal welcher Form mit Anderen teilen. Ja, wenn sie das Bedürfnis haben, Menschen nah zu sein. Woher kommt das? Warum darf immer alles nur eine Form haben? Asexuell = kein Mensch kommt dir körperlich nah. Nicht asexuell = Sex, Zärtlichkeiten. Aber dazwischen gibt es nichts? Gibt es wohl. Denn es gibt tausend Gründe und „Abstufungen“ menschlicher Wünsche. Einfach der Wunsch morgens nicht immer allein aufzuwachen. Der Wunsch im Arm gehalten, gestreichelt zu werden. Küsse genießen zu können, Zärtlichkeit im Rahmen der eigenen Komfortzone (comfort zone).

Es gibt jedoch ein großes Problem, dem wohl nicht nur ich immer wieder gegenüber stehe. Nämlich Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht begehre. Die mir zwar nicht wehtun und in mir auch keinen Ekel auslösen, aber die sich dennoch nicht richtig anfühlen. Nämlich die Frage, wie kann ein asexueller Mensch eine ernsthafte exklusive romantische monogame Zweierbeziehung (falls erwünscht) eingehen, wenn der Mensch, zu dem diese Hingezogenheit existiert, durchaus sexuelles Verlangen hat, also „sexually driven“ ist? Die Angst, dass dieser Mensch eine*n verlässt, sobald die Situation erklärt wird. Unverständnis auftaucht. Und was wäre, wenn es gar nicht so ist? Wenn die Asexualität genauso unstatisch ist, wie vieles im Leben? Sie sich ändern könnte? Immer wieder aufkeimende Fragen, ob das Selbst vielleicht doch eher krank ist, oder komisch, oder eigenartig ist, oder ob es Gründe gibt.

„Willst du es ändern?“ Gute Frage. Ständig gestellte Frage. Eine Frage, die jede asexuelle Person für sich entscheiden kann oder eben nicht. Die Anmaßung anderer Menschen, über den Grad der Asexualität zu entscheiden, sie zu entkräften, weil das gelebte und gesprochene nicht in die Schublade der Person passen scheint, sie sich in „Neoprenanzüge zwängt“ um ja niemanden an sich heranzulassen, sie sind fehl am Platz. Es gibt ein großartiges Netzwerk namens „AVEN“, die auf ihrer Homepage die beste Formulierung gefunden haben (ich möchte es bewusst nicht Definition nennen):

„Asexualität ist, wie alle Orientierungen im Leben (und dazu gehört insbesondere auch die sexuelle Identität), nur eine persönliche Kategorie. Man ist also asexuell, wenn man sich selbst so sieht.
Es gibt keine feste Anzahl an Kriterien, die einen als asexuell oder nicht bzw. nicht mehr asexuell festlegen können und kein Prüfungsverfahren welches bestimmt, ob man als asexuell gelten darf.
Wie bei allen sexuellen Orientierungen, ist auch Asexualität ein Begriff, der immer im Kontext des Lebens eines Menschen eingeordnet werden muss.
Wer also glaubt, dass der Begriff “asexuell” hilfreich ist, um über sich selbst nachzudenken und andere Menschen über sich aufklären zu können, darf den Begriff nach eigenem ermessen verwenden.
Nichtsdestoweniger gibt es bestimmte Trends zwischen denjenigen, die sich als asexuell identifizieren. Obwohl diese Trends keineswegs diktieren, wer sich als asexuell identifizieren kann oder wer nicht, umreißen sie allgemein das Erleben der meisten Menschen in asexuellen Gemeinden (einschließlich AVEN). Manche Menschen erleben Asexualität anders als andere. Obwohl es unmöglich ist, die ganze Vielfalt von asexuellen Erfahrungen zu beschreiben, kann vieles in Bezug auf drei Faktoren betrachtet werden:“ Anziehung, Erregung und Beziehungen.
(weiterlesen hier )

Zwar gibt es Wikipedia Artikel und es finden sich auch Abhandlungen darüber, aber es wird oft nicht mitgedacht. Ich selbst habe es nur selten erlebt, dass aus LGBT*Q ein LGBAT*Q wurde. Und überhaupt frage ich mich, ob asexuelle Menschen zur queeren Szene gehören? Eine Frage, die ich alleine (selbstredend) nicht beantworten kann.

Die augenöffnenste Auseinandersetzung und Portraitierung damit bot für mich der Film „(A)sexual“ der großartigen Angela Tucker. Diesen Film möchte ich jeder*m empfehlen, die*der sich weiter damit auseinandersetzen will, verstehen und nicht verurteilen.

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